gerstner meixnerHilpoltstein (HK) Zwei Frauen mitten im Leben. Warmherzig, einfühlsam, humorvoll. Sie beschäftigen sich intensiv mit einem Thema, von dem viele nichts hören wollen: dem Tod. Ingrid Gerstner (63) aus Roth und Agathe Meixner (50) aus Heideck begleiten Menschen in ihrer schwersten Zeit. Den letzten Monaten, Wochen, Stunden.
 
Wenn Ingrid Gerstner eine Wohnung betritt, weiß sie nie, was hinter der Tür ist. Sie weiß nur, da ist jemand, der sterben wird. „Ich atme tief durch, um innerlich frei zu sein für das, was kommt.
“Manchmal sind es die Angehörigen, die anrufen. Manchmal die Todkranken selbst.
Gerstner tastet sich vor, denn mitunter „wissen die Patienten gar nicht, wie es um sie steht. Da muss man äußerst sensibel und vorsichtig vorgehen“.
Ingrid Gerstner lässt ihr Gegenüber aber schnell wissen, dass alle Gefühle erlaubt sind. „Wir singen, lachen, weinen. Alles darf gesagt werden.“
Einmal saß sie am Bett einer sterbenskranken Frau. „Ich habe gemerkt, sie will nicht mehr reden. Wir haben uns schweigend angeschaut. Stundenlang.“ Später, erinnert sich Gerstner, „habe ich ihr Mundartgedichte vorgelesen und wir haben gelacht“.

Es gibt kein Patentrezept, das hat auch Agathe Meixner gemerkt. „Man muss ein Gefühl dafür entwickeln, was der Patient möchte.

“Kurse bereiten die Helferinnen, im Hospizverein Hilpoltstein-Roth, derzeit 15, auf ihre schwierige Aufgabe vor. „Das gibt uns das Rüstzeug mit.“ So sind die Frauen in der Lage, „psychosoziale Begleitung in allen Facetten“ – wie Gerstner es nennt – anzubieten.

Manchmal wollen die Verwandten über ihre Wut, Angst und Verzweiflung reden. Manchmal wollen die Sterbenden „Sachen loswerden, die sie Angehörigen nicht sagen wollen, um sie zu schonen“, erzählt Gerstner. Das hat Agathe Meixner in ihrer eigenen Familie erlebt.
Ein naher Freund war schwer erkrankt, alle wussten, dass er sterben muss. Aber keiner hat es ausgesprochen. Bis zum Schluss. „Das hat mich enorm belastet“, erzählt Meixner heute.
„Ich habe geschworen, dass mir dieses Verdrängen nicht mehr passiert.
“Viele Jahre später fand sie zum Hospizverein, ließ sich ausbilden. Kurz danach starb ihr Vater. „Ich habe ihn in seinen letzten Stunden begleitet.“ Und dabei die Erfahrung gemacht: „Ja, ich kann das. Ich kann das Sterben aushalten.“

„Massivste Erfahrungen mit dem Tod“ hat auch Ingrid Gerstner gemacht. Schon als junge Frau musste sie miterleben, wie ihr kleiner Bruder von einem Grabstein erschlagen wurde, die Mutter ein gutes Jahr später aus Gram starb und kurz danach ein weiterer Bruder bei einem Verkehrsunfall getötet wurde.
„Das war mein Schlüsselerlebnis.“ Als viele Jahre später in der Zeitung stand, dass in Hilpoltstein ein Hospizverein gegründet werden sollte, „habe ich mich sofort eingeklinkt“.
Seit 1998 ist sie die Vorsitzende des heute 200 Mitglieder starken Vereins.Die Helferinnen begleiten auch Todkranke auf der Palliativstation in der Rother Kreisklinik, die vor fünf Jahren eingerichtet worden ist. Etwa 40 Prozent der Patienten sterben dort.

„Das ist aber keine Sterbestation“, sagt Gerstner nachdrücklich. „Das Ziel ist die Entlassung.“ Höchstens drei Wochen sollen die Kranken bleiben. Dort soll den Todkranken Linderung für ihre manchmal unerträglichen Schmerzen verschafft werden, um dann wieder nach Hause zurückzukehren.

Die Frauen geben viel. Sie bekommen aber auch viel zurück. „Man spürt die Dankbarkeit für die Zeit, die man mit den Menschen verbringt“, sagt Meixner. „Außerdem bin ich viel ruhiger und gelassener geworden, was Krankheit und Tod betrifft.“Die Helferinnen müssen immer wieder Abschied nehmen. Oft beim letzten Gang auf dem Friedhof. „Mit der Beerdigung ist es für mich abgeschlossen“, sagt Meixner.

Für die Angehörigen bietet der Hospizverein eigene Trauergruppen und das sogenannte Trauercafé, wo sich die Hinterbliebenen austauschen können. „Wir brauchen dann den Abstand von den Angehörigen“, erklärt Gerstner. „Schließlich wollen wir uns neuen Patienten zuwenden.“

Foto: v.l.n.r.: Agathe Meixner, Ingrid Gerstner

Von Monika Meyer, Hilpoltsteiner Kurier