spendenaktion hkHilpoltstein (HK) Mit Sterben, Tod und Trauer sind Gefühle verbunden, die Menschen gerne verdrängen: Angst, Wut, Entsetzen. Angehörige lässt der Tod eines lieben Menschen oft ratlos zurück. Brigitte Stengl und Theresia Heim vom Hospiz
Brigitte Stengl, 56, aus Hilpoltstein war von Anfang an dabei. Seit 1998 hat die ausgebildete Hospizhelferin rund 100 Menschen bis zum Tod begleitet. „Wenn jemand über das Wetter reden will, reden wir über das Wetter“, sagt Stengl. Wenn ein Sterbender seine Angst, seine Wut oder seinen Ärger loswerden will, ist auch das erlaubt. Brigitte Stengl hat mit Sterbenden gebetet, gesungen, gelacht und geweint. Manche sind froh, ihre Gefühle endlich loszuwerden, manche bleiben bis zum Ende verschlossen. „Manchmal schweigt man einfach miteinander, da gibt es die ganze Bandbreite“, sagt Stengl. Einzige Maxime: „Der Kranke ist der Chef.“
 Brigitte Stengl ist eine von derzeit 14 aktiven Sterbebegleiterinnen des Hospizvereins Hilpoltstein-Roth. 200 Mitglieder hat der kleine Verein mit einem Büro in Roth. Alle Aktiven arbeiten ehrenamtlich, nur Kilometergeld und Schulungskosten werden erstattet.
 
Stengl begleitet nicht nur Kranke bis zum Tod, sie hilft auch Hinterbliebenen, mit dem Verlust fertig zu werden, in Gruppen, in Einzelgesprächen und im Trauercafé. „Die Trauerbegleitung ist das Gegenstück“, sagt Stengl. „Man versucht, dass der Trauernde wieder ein Stück ins Leben zurückfindet – ohne den Verstorbenen.“
Sie selbst hat in der eigenen Familie reichlich Erfahrung mit Tod und Sterben. Erst pflegte sie ihren Schwiegervater, bis er starb, dann die Schwiegermutter und den eigenen Vater. Als ihre Lieblingstante starb, hatte Brigitte Stengl aber keine Zeit. Schuldgefühle plagten sie. „Das war der Auslöser“, sagt Stengl. Sie engagierte sich im Hospizverein.
Auch Theresia Heim, 56, Religionslehrerin aus Heideck, hat schon viele Sterbende begleitet und leitet das Trauercafé. Seit April 2011 weist ein Schild an der Weinbergstraße jeden ersten Freitag im Monat den Weg ins Kaminzimmer der Wohnanlage der Kreisklinik Roth, wo sich Trauernde von 15 bis 17 Uhr zwanglos treffen können.
Ein Angebot, zu dem sich die Betroffenen leichter entschließen könnten, sagt Heim: „Man muss ja nicht wiederkommen.“ Aber viele tun es. Vor allem Frauen. Aber auch drei bis vier Männer sind unter dem guten Dutzend regelmäßiger Besucher. In der ersten Stunde des Cafés bietet das Hospizteam eine feste Struktur an, mit einer Vorstellungsrunde und einem Thema, die zweite Hälfte dient dem Gespräch. „Sich untereinander austauschen ist auch sehr wichtig“, sagt Brigitte Stengl.
„Ein Außenstehender kann sich gar nicht vorstellen, was für ein Gefühlschaos da ausbricht“, sagt Theresia Heim. Nach außen hin wirken die Trauernden völlig normal, aber das täuscht. „Alles läuft ab wie ein Film.“ Eine Verkäuferin hat mehrere Monate nach dem Tod ihres Mannes einen Satz gesagt, der Heim noch gut in Erinnerung ist: „Ich habe gar nicht gewusst, dass heute schon Juni ist.“
Oft fühlten sich die Menschen, die zurückbleiben, als hätte ihnen jemand den Boden unter den Füßen weggezogen. Ein Zustand, der lange dauern kann, manchmal ein Leben lang. Als Theresia Heim neun Jahre alt war, starb ihre kleine Schwester im Säuglingsalter. „Meine Mutter hat das immer von sich weggeschoben. Sie konnte nie darüber reden.“ Die Eltern sind „erstarrt, immer noch“, sie selbst sei ratlos zurückgeblieben. „Ich bin nie so wahrgenommen worden als Kind, wie ich das gerne gehabt hätte. Ich hatte immer das Gefühl, mir fehlt etwas.“
Solche Gefühle gilt es zuzulassen. Das werde oft mit Schwäche gleichgesetzt, sagt Heim. Zu Unrecht. „Es ist mutig, diesen Schritt zu machen, sich damit wieder konfrontieren zu lassen. Nur so kann ich es verarbeiten.“ Oft erschrecken Trauernde, wenn sie plötzlich von ihren Gefühlen übermannt werden, wenn Wut und Tränen kommen. Für Theresia Heim ist es ein gutes Zeichen. „Das ist ein Fortschritt. Gefühle sind etwas Lebendiges.“
Ein Anfang auf einem langen Weg, zu dem auch Rückschläge gehören. An Weihnachten, zu Geburtstagen oder am Hochzeitstag werden die Verstorbenen besonders schmerzlich vermisst. Der Hinterbliebene „fällt wieder ins Loch“, sagt Heim. Eine trauernde Frau habe dieses Gefühl einmal so beschrieben: „Es ist wie eine Spirale. Ich komme zwar immer wieder an den gleichen Punkt, aber immer an einer höheren Stelle.“
Hilflos fühlt sich Theresia Heim deswegen nicht. „Wir können niemandem etwas abnehmen. Jeder muss seinen Weg selbst gehen.“ Und irgendwann hat fast jeder das Ende der Spirale erreicht. Wenn sie heute in Hilpoltstein auf dem Bauernmarkt von einer Frau mit einem freudigen „Hallo“ begrüßt wird, die sie aus ihrer Trauerarbeit kennt, dann ist das für Theresia Heim ein Erfolg. Auch wenn sie aus eigener Erfahrung weiß, dass der Tod nie spurlos vorübergeht. „Das ist wie eine Narbe. Manchmal tut die einfach weh.“
Aber die Beschäftigung mit Tod und Trauer bringt Theresia Heim auch sehr tiefe Freude. „Der Blick auf das Leben verändert sich. Ich fühle mich freier.“ Am besten trifft es für Teresia Heim dieser Spruch: „Es ist die Aufgabe der Lebenden, den Toten die Augen zu schließen. Die Aufgabe der Sterbenden ist es, den Lebenden die Augen zu öffnen.“
 
Von Robert Kofer


Foto: Das Trauercafé ist ein lockerer Treff zum Erfahrungsaustausch, den Theresia Heim (rechts) und Brigitte Stengl vom Hospizverein einmal im Monat im Kaminzimmer der Klinikwohnanlage anbieten. – Text und Foto: Kofer